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24.02.2010

Als wär’ es echt

Auf dem Weg zur ersten Station

Mit der Reihe ‹Mysteriendramen hautnah› betreten die Schauspieler des Mysterien­-dramenensembles am Goetheanum im direkten Wortsinne neue Räume (‹Goetheanum› Nr. 8–9/2010). Am 24. Februar zeigte der erste Einblick ‹Drei Krisen› die Intensität der räumlichen Nähe zwischen Darstellern und Publikum.

Es ist nicht das erste Mal, dass am Goetheanum Themenauszüge aus den Mysteriendramen Rudolf Steiners gezeigt werden. Etwas Einmaliges war jedoch diesmal, dass die Aufführung an ungewöhnlichen Orten stattfand. So spielte die erste Szene in einem Privathaus, im Atelierraum des Hauses de Jaager. Das Publikum hatte sich dafür seine Schuhe auszuziehen und folgte den anderen staunend über die prächtige Holztreppe im Inneren des Privathauses hinauf in den großen Atelierraum. Wie setzen? Zwar gab es einige Stühle, aber nicht für die rund 40 anwesenden Menschen. So kauerten sich einige auf dem Boden, andere blieben stehen.
Und dann begann das Spiel, nein, dann nahm man teil an einem Gespräch, als fände es in einem Wohnzimmer guter Freunde statt. Johannes Thomasius zeigte Capesius dessen Porträt, und sie tauschten sich darüber aus, bis sich jemand aus dem Publikum löste und sich ganz selbstverständlich in das Gespräch einbrachte. Richtig, es war Strader, der an diesem Bildnis seine Erkenntnisgrenzen erfährt.

Ortswechsel: Hochatelier. Aus der Galerie hörte man, ohne ihn zu sehen, wiederum Johannes Thomasius, wie er die Reaktion seiner Freundin Maria auf ein Bild von ihm bedauerte. Fast wirkte es indiskret, hier mitzuhören. In seinem Verarbeiten der Worte Marias kam Johannes Thomasius allmählich über die hohe Treppe hinab nach unten, buchstäblich auf den Boden, wo er Maria traf, die ihn zu größerer Eigenständigkeit aufforderte. Weiter ging es zum Lesesaal der Bibliothek am Goetheanum. Hier war es vollständig dunkel, nur eine kleine Hängelampe erhellte einen der Tische, an dem Capesius schon seit Stunden sitzen und studieren musste, so angestrengt las er in den aufgeschlagenen Büchern. In seinem Ringen um Erkenntnisfragen formulierte er schließlich erschauernd die Frage: Wo ist Capesius? Darf man, so fragte ich mich selbst, völlig eingetaucht in das Geschehen, als wäre es echt und nicht gespielt, so nah einer intimen Situation beiwohnen?Diese unmittelbare Nähe zu den Schauspielern führte zu einer enormen Dichte des Erlebens, weniger ‹freilassend› und distanziert als der Blick auf ein Bühnengeschehen in der Ferne. Jetzt war man mittendrin, dem Geschehen fast ausgeliefert. «Gelungen!», signalisierte der Applaus. Und selbst die Kleinkinder im Publikum hatten die ganze Zeit über aufmerksam geschwiegen.

Wochenschrift "Das Goetheanum", Sebastian Jüngel